Sanatorium Wienerwald, Wintergasse 120, 3002 Purkersdorf: von der Nobelklinik zum Horrorhaus

Sanatorium Wienerwald, Wintergasse 120, 3002 Purkersdorf: von der Nobelklinik zum Horrorhaus

30. November 2025 Allgemein 0

2 Min.

Die auf 655 Meter Seehöhe gelegene Lungenheilanstalt wurde 1903/1904 von den beiden jüdischen Lungenspezialisten Hugo Kraus und Arthur Baer gegründet und erlangte bald Weltruhm. Reiche Kranke aus ganz Europa, aber auch tuberkulöse Patienten aus Übersee, etwa Kaffeeplantagenbesitzer aus Südamerika, quartierten sich in dem luxuriösen Sanatorium ein. Als modernes medizinisches Verfahren wurde hier 1930 in Österreich erstmals die Methode des künstlichen Pneumothorax zur Behandlung eingeführt. Zudem setzte man auf die damals beliebte „Luftkur“ mit Aufenthalten im Freien – Standard für Lungenheilanstalten im frühen 20. Jahrhundert.
Auch der Schriftsteller Franz Kafka, der Ärzten generell nicht vertraute und sie für „empörend“ hielt, befand sich im Jahr 1924 wegen seiner auf den Kehlkopf übergreifenden Lungentuberkulose in dem Sanatorium. Er wurde am 5. April unter der Nummer 2557 ins Patientenverzeichnis eingetragen. Er kommunizierte während seines Aufenthalts fast nur schriftlich, da er aufgrund seiner Erkrankung fast nicht mehr sprechen konnte.
Im April 1938 ist das Sanatorium im Zuge des Anschlusses an NS-Deutschland arisiert worden. Dr. Hugo Kraus verübte deshalb Selbstmord. Dr. Baer, der 1941 verarmt verstarb, wurde verhaftet und gezwungen, das Sanatorium dem Lebensborn e.V. zu überschreiben. Hier sollten Kindern geboren werden, die den nationalsozialistischen „rassischen“ Kriterien entsprachen. Schätzungen zufolge kamen in der Zeit zwischen 1938 und 1945 rund 1.300 bis 1.700 Kinder in dieser Einrichtung zur Welt.

Von 1945 bis Ende 1948 war die ehemalige Lungenheilanstalt ein Kindererholungsheim für unterernährte Kinder aus Wien. Danach wechselte das Gebäude mehrfach den Zweck: Vom Erholungsheim für Gewerkschafter über ein Kurhotel bis zu Rehabilitationszwecken der Krankenkasse.
Das Sanatorium ist heute ein klassischer Lost Place — groß, leer, verfallen, gesichert und kaum nutzbar. Es ist keine Klinik, kein Hotel, keine öffentliche Einrichtung mehr. Stattdessen steht es als Mahnmal für seine wechselvolle Vergangenheit: von exklusiver Heilstätte über NS-Krankenhaus bis zur heutigen Ruine.

Foto 1 (Quelle Wikimedia Commons): Sanatorium Wienerwald 1904
Foto 2 (Quelle urbexsession): aktuelle Innenansicht des Gebäudes

 

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